Klangbrücken zu Heimaten

Klangbrücken zu Heimaten – ein Performanceprojekt der Autorinnen Kholoud Charaf und Rhea Krcmárová mit Orwa Alshoufi (Oud) und Birgit Selhofer (Kontrabass)

Syrische Lyrik trifft Austrian Gothic

Eine 60-minütige Literaturperformance der Autorinnen Kholoud Charaf und Rhea Krčmářová mit Orwa Alshoufi (Oud) und Birgit Selhofer (Kontrabass).
In ihrer gemeinsamen Performance nähern die Schriftstellerinnen und Musiker:innen sich auf unterschiedliche Arten dem Heimatbegriff an und suchen
Reflexionen und Verbidungen.

SYRISCHE POESIE

Die Performance von Kholoud Charaf, PEN Writer in Exile, und dem Oud-Spieler Orwa Alshoufi kombiniert arabische Gedichte (und auch einige deutsche Übersetzungen) mit improvisierter Musik auf der Oud (arabische Laute).
Charafs Texte und Alshoufis Musik nehmen das Publikum mit in ihre verlorene syrische Heimat, sprechen über Verluste und Erinnerungen, über Legenden und Mythen und bringen dem Publikum die Ästhetik der arabischen Poesie und Musik nahe. Improvisierte Jazzpassagen auf der Oud verleihen dem traditionellen Instrument eine moderne Note, zeigen die Fähigkeit der orientalischen Musik, sich mit modernen globalen Musikstilen zu verbinden und beweisen, dass die Oud sowohl zeitgenössische Werke (wie Jazz) als auch traditionelle Kompositionen
spielen kann.

AUSTRIAN GOTHIC

Autorin Rhea Krčmářová und Kontrabassistin Birgit Selhofer erkunden in ihrer Performance „Austrian Gothic“ den liminalen Horror Österreichs. Die Performance
verwebt Leere und Legenden, taucht in das subtile Unheimliche ein, das nur knapp unter der Oberfläche lauert. Liminale Plätze sind Durchgangsorte wie nächtliche Bushaltestellen, labyrinthartige, sich endlos dahinziehende Hinterzimmer, neonbeleuchtete Hotelflure, Schulen nach Unterrichtsschluss. Das Unheimliche ist keine Bedrohung durch Menschen, Tiere, Monster, sondern entsteht durch Abwesenheit, „uncanny valleys“ werden zu tatsächlichen Tälern, die Orte wecken das Unbehagen des Zuschauers durch ein schwer definierbares Fehlen.
Austrian Gothic verzichtet bewusst auf ein „lyrisches Ich“ und lässt Orte und Landschaften von ihren urbanen und ländlichen Legenden und Geheimnissen erzählen, von ihren uralten Essenzen und menschgemachten Einschnitten, von Landeshaupt-Mittagsfrauen und Lagerhausfilialen im Neonlicht.

DIE BEGEGNUNG

Zuerst performen Charaf / Alshoufi und Krčmářová/Selhofer abwechselnd ihre Gedichte, nach und nach beginnen die Künstler:innen, ihre Musik und Texte zu
verschmelzen – die Musikbegleitung wechselt sich ab und fusioniert, die Autorinnen gehen in ihren Texten mehr und mehr auf einander ein, suchen Unterschiede und
Gemeinsamkeiten, reflektieren und kontrastieren ihre Begriffe von Heimat, antworten einander auf arabisch und deutsch, verflechten ihre Stimmen mit beiden
Instrumenten.

KLANGBRÜCKEN ZU HEIMATEN – PERFORMANCE BEIM WIENER KULTURSOMMER 2025

TEXTPROBEN

Eine Gabe von Ishtar (Kholoud Charaf)

Kanatha, mein Töchterchen
bade deine Füße im Licht
und komm
Lass deine Zöpfe ruhen auf dem gewebten Kissen
Nimm die Trauben zwischen deine Lippen
bis ich mit der Ernte fertig bin
Küss nicht den Mond
der schläfrig über deine Wange streicht
und vergiss die Gräser für die Ziege nicht
sie soll sich doch erinnern, Milch zu geben
Du mit den blattlosen Zweigen
So mancher wirft verstohlene Blicke
auf deine aufgerichteten Knospen
Dein erstes Begehren
lässt dich feucht werden
ein Opfer, nach dem es den Liebesgott verlangt
Solange du ein Teil von mir bist
ein weicher Körper auf dem Marmor
schlaf nur gut
und wenn der Gott des Krieges schläft, weck ich dich auf
Vergiss dich nicht vorm Spiegel
nackt
denn deine Schritte werden stolpern wegen deiner Schönheit
Ich sorge mich, dass deine Hand
die flammenden Kurven entdeckt
und lasse die Tür nicht anklopfen beim fremden Traum
So schlaf, Kanatha
vielleicht erwachst du einst gereift
Dann werde ich dir offenbaren
was die Opfergaben anrichteten
Aus deinem Spiegel schleicht
das Morgen
verlier es nicht
Dein Antlitz sei geheiligt

Cisleithanian Gothic (Rhea Krčmářová)

im Schweben zurückgelassene
Lagerhausfillialen
strahlen in ihrem Neongrau
brechen am Alpenvorrand
die Durchlässigkeitskraft eines Puppenhauses pflanzt
Traktorengerippe im Echo unterhalb
jener Enns
durch karge Kornelkirschnester ducken
blasse Übergangsriten
versickern sich
entlang der Thermenlinie der Randflächen
das Industriegeviert durchzogen von
uncanny valleys
und Staub der Dorfmuseen pulsiert
wo
durch Waldkronen wieselt
ein brennender Jäger auf der Gier
nach Einsatzwägen
ostwärts
südlich der schweigenden Lichter
die Flugfeldlandschaft blinkt liminal
aus allen Weiten gefallen
und
entlang der Westbahn bluten
keine Mädchen mehr
im Keller kauern
den es nie hätte geben sollen

BIOGRAPHIEN

Kholoud Charaf wurde 1981 in Al-Mojaimr, im Süden Syriens geboren. Charaf studierte Arabische Literatur an der Universität Damaskus und ist Absolventin des medizinischen Laborbereichs. Kholoud Charaf setzt sich für die Rechte von Kindern und Frauen in Syrien ein. Sie ist Mitglied der deutschen PEN-Organisation.

2019 erhielt sie den Ibn Battuta Preis für Reiseberichte für ihr Buch Reise zurück zum Berg: Tagebuch im Schatten des Krieges. Ihr Roman Tagebuch: Es betrifft mich nicht wurde für den Arabischen Booker Preis 2024, den Katara Preis und den Preis für das beste arabische Buch des Jahres 2024 nominiert. Sie hat internationale Stipendien als Gastautorin von ICORN, PEN Zentrum Deutschland und IIE American erhalten und war von 2023 bis 2025 als Gastautorin in Wien mit einem Stipendium von IG. Ihre Gedichte wurden in zehn Sprachen übersetzt, darunter Deutsch, Englisch und Polnisch.

In den manuskripten # 249 ist Kholouds Text „Die Farbe Schwarz und die Vögel in der arabischen Sprache und Kultur“ abgedruckt. Der Roman Tagebuch, dass mit mir nicht zu tun hat“ erscheint 2026 im Pfaueninsel Verlag (Berlin). Im Herst 2025 war sie Stipendiatin der Residenz für Künstler:innen im Exil am Ujazdowski Castle Centre for Contemporary Art in Warschau.

Orwa Alshoufi ist Musiker und Komponist. Er studierte Musik in Beirut und leitete das „Nineveh“ Institut für Musik und Gesang in As-Suwayda, Syrien und leitete
dort auch einen Kinderchor. Mit Musikerkollegen gründete er dort die Band „Orphé“. Seit 2020 studierte er an der Bruckner Universität in Linz, Austria, und zwar
Instrumental Jazz und musikalische Improvisationund schloss seit Studium 2025 ab. 2016 gründete er in Zusammenarbeit mit der Arab Austrian Women’s Organization
das erste orientalische Orchester “NAI”, das er auch leitet, den Ninveh Workshop für Musikunterricht, das NAI Jugendorchester und den NAI Chor.

Rhea Krčmářová ist Autorin und transmediale Textkünstlerin. Geboren in Prag und aufgewachsen in Wien und Umland, studierte sie Gesang und Schauspiel und ist
Absolventin des Instituts für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien. Rhea erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, u. a. den Land NÖ Preis
Wartholz, das Projektstipendium des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport, das Arbeitsstipendium der Stadt Wien, das
Jubiläumsstipendium der LiterarMechana und die Buchprämie der Stadt Wien (2018, 2025). 2018
erschien der Erzählband Böhmen ist der Ozean, 2023 der Roman Monstrosa, beide bei Kremayr & Scheriau. Sie arbeitet an transmedialen Textkunstprojekten, u. a.
Performances, Stickbilder und Instagram-Gedichte in Kombination mit Fotografie – 90 davon erschienen 2024 in ihrem Lyrikband Tagebruch/Instant im Limbus Verlag.

Birgit Selhofer lebt als freischaffende Kontrabassistin und Dirigentin in Wien. Sie studierte an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (MDW) sowie als Stipendiatin des CIMO an der Sibelius Akatemia Helsinki zunächst Kontrabass, 1996 erhielt sie den Anton-Bruckner-Förderpreis. Danach absolvierte sie an der MDW Chorleitung bei Howard Arman und Erwin Ortner und Orchesterleitung bei Uros Lajovic. Verschiedene Meisterkurse, unter anderem bei Jorma Panula, Anders Eby, Maurice Hamers, Ludwig Streicher, Marc Dresser und Paul Imm, ergänzen ihre facettenreiche Ausbildung.

Unter ihrer musikalischen Leitung standen bisher unter anderem die Philharmonie Bratislava, die Philharmonie Oradea, die Maurer Big Band, das Symphonische Blasorchester Lenzing, die Militärmusik Kärnten und der Arnold Schoenberg Chor. Die vielseitige Musikerin hat mit Persönlichkeiten wie Sir Neville Marriner, Heinrich Schiff, Anu Tali, Alfred Reed, Karlheinz Hackl, Christian Kolonovits und Tini Kainrath zusammengearbeitet.

2001 setzte Birgit Selhofer einen historischen Meilenstein als erste Frau im Kapellmeisteramt eines Wiener Blasorchesters. Sie ist außerdem seit der Bandgründung im Jahr 2007 die Bassistin von SiGMAjazz.
Das seit 2010 biennal stattfindende „Gospel+ project“ im südlichen Wiener Raum mit einem fast hundertköpfigen Projektchor geht ebenfalls auf Birgit Selhofers Engagement zurück.
2016 erhielt sie die Chorleiternadel in Silber, 2025 die Chorleiternadel in Gold des Chorverbands Niederösterreich-Wien für ihre besonderen Verdienste.