1789. Ein Torten-Stück

1789. Ein Torten-Stück. (Auszug)

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Personen

Marie

Antoinette

Louis 1.6

Alle drei Darsteller sind zwischen 20 und 30. Marie und Antoinette tragen Rokoko-Roben, Louis 16 ist ein eher altmodischer Roboter (Steampunk-Stil).

Antoinette und Louis 16 an einem Tisch, starren eine riesige Geburtstagstorte an. Im Zimmer verteilt sind diverse Tellerchen mit Resten von Süßwaren.

Marie steht aus dem Fenster. Man hört das undeutliche Toben einer Menge vor dem Palast.

Antoinette: Jetzt habe ich wirklich gar keinen Appetit mehr.

Marie: So iss doch.

Antoinette: Ich mag nicht.

Louis 1.6: Zustandsanalyse: Noch 1789 Torten. Alles Gute. Und es werden nicht weniger. Die Tiefkühlschränke sind voll. Die Ablaufdaten nach hinten verlängert ins Unendliche. Die Vorratsschränke am Bersten. Die Lieferwege wollen nicht und nicht abgeschnitten werden.

Antoinette: Was soll nur aus uns werden?

Marie: Wird das überhaupt noch was?

Louis 1.6: Volkszustandsanalyse: Feierlaune.

Marie: Sie wollen, dass Du isst. Dass wir essen. Vor ihnen. Auf dem Balkon. Hörst du sie nicht? (Das Toben wird lauter). Sie wollen uns feiern.

Louis 1.6: Volks-Arsenal-Analyse: Geschenkbänder lose um Mistgabeln gewickelt. Fackeln bemüht mit Glitter umstreut. Einige Dreschflegel blumenumkränzt. Alles Gute.

Antoinette: Und sie haben nicht nur Kuchen mitgebracht.

Marie: Ja eh. Baisers. Elcairs. Muffins. Cupcakes. Cookies. Windbeutel.

Schokoladetürmchen. Brownies. Pain au Chocolat. Topfengolatschen.

Wo zur Hölle ist der Unterschied?

Louis 1.6: Volksseelenanalyse: Sie mögen es nicht, wenn der Adel hungert.

Antoinette: Wie lange dauert die Belagerung schon?

Marie: Jetzt iss schon, in Gottes Namen. (greift in die Torte, schaufelt ein Stück heraus, stopft es sich in den Mund. Verzieht die Lippen. Schluckt). Ich glaub, ich muss mich gleich übergeben.

(Stimme des Volkes von außen: Das gilt nicht!)

(…)

Veröffentlicht in: Buchstabensuppen. Anthologie 10 Jahre wiener wortstaetten (Residenz Verlag)