Anezkas Asche

Anezkas Asche. Erzählung. Auszug

IMG_5659

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ANEŽKAS ASCHE
Am Anfang des Abschieds steht das Ende, das schon gewesen ist.
Knapp dreiviertel sieben ist es, und du steckst fest. Gezwungen zu tun, was du am meisten hasst, nämlich zu warten. Du wolltest längst abgereist sein, aber die Fähre, die dich hätte von hier fortbringen sollen, hat vierzig Minuten Verspätung.

Du bist nicht die einzige Ungeduldige, aber die anderen sind tief in ihren Alltag versunken. Die Leute gehen an dir vorbei, bemerken dich oder nicht, blicken auf die Anzeigetafel, lassen die Anfangskadenzen aus Smetanas Moldau an sich vorbeiplätschern, verwässert und aufgewirbelt vom Bahnhofslautsprecher. Einige fluchen leise, wünschen sich wohl, sie wären schon weg, oder könnten wenigstens rauchen, aber das ist auf dem gesamten Gelände vor kurzem verboten worden,
was dir relativ egal ist.

Die beiden alten Damen neben dir haben sich in ihr Gespräch zurückgezogen, zu laut, um sie ganz ignorieren zu können, zu leise, um dich von deinen Gedanken abzulenken. Du zupfst dein Halstuch zurecht, schon wieder, nicht, dass dir kalt wäre, aber du möchtest etwas tun, mit deinen Händen, etwas anderes, als nur deine Tasche festzuhalten, um zu verhindern, dass dir der Inhalt vor die Füße
kippt. Du willst die Tasche ohnehin nicht wahrhaben, schaust lieber überall anders hin. Du siehst auf die Gleise. Rechts führen sie nach Prag, links in Richtung Endlosigkeit, oder vielleicht auch Richtung Budějovice, wer will das schon wissen. Am mittelböhmischen Himmel fließen ein bisschen Regen und Abendsonnenschein ineinander, den Regenbogen könnte man dir heute wenigstens ersparen, denkst du. Du fühlst dich wie in einem Film der misslungenen Sorte, zumindest ist es die letzte Ausstrahlung. Du bist wie immer, und ein letztes Mal, quer über die Gleisanlagen gegangen, hast die nahe gelegene Brücke ignoriert. Durchs Gestrüpp, über Berge ausgeschütteter Schwarzkohle, durch halb vertrocknete Lachen, durch das enge Torloch in einem Gartenzaun ohne Garten, das den Hintereingang zum Bahnhofsgelände markiert, und dann über sechs, sieben leicht verrostete Schienenstränge und hohe Betonkanten, immer auf der Hut vor den Zügen, die man weniger sieht als hört. Die leicht lebensmüde
Abkürzung also. Im Gedenken. Und in alter Tradition.

Die letzte Reise also. So habt ihr euch das nicht vorgestellt.

(Aus: Böhmen ist der Ozean, Kremayr & Schriau, 2018)

 

ZURÜCK