Billrothstraßenprinzessinnen

Billrothstraßenprinzessinnen. Dramolett. Auszug.

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Personen:
Beatrix Pospischil I, II
Charlotte (von) Härb-Szhalmey I, II
Der Herr Paul
(Anm. der Autorin: Die Rollen von Charlotte II und Beatrix II können nur von je einer Schauspielerin gespielt werden. Sie können aber auch auf bis zu jeweils drei Personen aufgesplittet werden. Die Regieanweisungen sind optional).
Das Café Opera, irgendwo tief in den Eingeweiden der Innenstadt. Winter, früher Abend. Herr Paul sitzt in einer Ecke, liest die Brigitte. Aus den Lautsprechern tönt Verdis La Traviata (die Bonynge/ Sutherland / Pavarotti-Aufnahme von 1991). Beatrix 1 sitzt an einem Kaffeetischchen im Vordergrund, vor sich ein Glas Wasser und eine Topfentorte. Beatrix 2 sitzt in einer Nische mit dem Rücken zum Publikum.

Ebene Eins:

Ebene Zwei:

Beatrix 1: Fünfzehn Minuten … nun ja …

(Ihr Handy läutet, der Walkürenritt (Solti, Wiener Philharmoniker, 1962) übertönt die Traviata).

Ja Alfred … Grüß Dich Gott … nein, leider, leider noch nicht … Aber ich bin
sicher, sie wird jede Minute da sein… Ja, aber sicher, sicher, der Verkehr…
Jedenfalls bin ich schon sehr neugierig, was sie mir erzählt… natürlich halte ich ihr die Daumen, das wäre ja so wichtig, dass das endlich klappt, gell? Oh… das ist aber schade… natürlich, natürlich, ich verstehe Dich, dennoch… Du, ich muss Schluss machen, da
kommt unsere Freundin schon… sicher, bis später, und Grüße an deine liebe Frau Mamá, gell?
Charlotte 1: (kommt hereingestürmt.)
Liebes, es tut mir soooo leid!

Beatrix 2 (Handy in der Hand, dreht sichzum Publikum): Du weißt doch, Fredchen,
Madame ist derart unpünktlich, dass man sich die Uhr nach ihr richten kann.
Was muss die Kuh sich auch am AdW im Sechzehnten ansiedeln…Stimmt, ihr feiner
Hietzinger Clan wollte ihr irgendwann nichtmehr die Miete zahlen, und mehr als das
Substandardloch im tiefsten Ottakring kannsie sich nicht leisten. Tja…
Wobei ich bete, dass ich die Schreckschraubevon Mama Brünnhild nie, nie persönlich
kennen lernen muss.
Charlotte 2 (kommt ruhig herein, stellt sich neben die Nische von Beatrix 2.)

Beatrix 1: Nein, Liebste, kein Problem. Wirklich. Ich hab ja was zum Lesen.
(Charlotte 1 legt umständlich ihren Mantel ab, setzt sich)
Charlotte 1: Entschuldige, aber meine Babies wollten sich einfach nicht von mir
trennen… Du weißt ja, wie anhänglich sie sind, meine Kleinen, besonders der Felix.
Beatrix 1: Natürlich, Liebes, kein Stress, wir haben ja Zeit, bis die Symphoniker
anfangen.
Charlotte 1: Ich freue mich schon so.
Beatrix 1: Natürlich, es ist kein
Philharmonisches…

Charlotte 2: Länger konnte ich das Treffen mit Dir nicht hinausschieben.
Beatrix 2: Mach dir nichts draus, ich hatte ja diese drei Jahre alte Bunte-Heftln, weil der
Herr Pavel ja zu geizig ist, sich wenigstens den Lesezirkel zu gönnen.
Charlotte 2: Und warum nimmst Du Dir zur Abwechslung nichts Vernünftiges zum Lesen
mit? Lass raten, weil die Schweinsleder/Goldschriftwälzer in deinem
Bücherregal nur Deko sind. Wir wissen doch alle, dass Du seit Deiner Sponsion nichts
Intelligenteres als das Opernglas liest. Nein, dort schaust Du Dir nur die Bilder von
halbnackten Tenören an.
Beatrix 2: (zupft an Charlotte 2). Wenigstensbin ich nicht voller Katzenhaare… und mit
abgewetzten Strumpfhose… und das vor dem Konzert…
Charlotte 2: Wobei es mir ja zumindest um die Musik geht. Du leidest, weil es nur die
Symphoniker sind. Viel weniger Leute da, die das Fräulein Pospischil beim Kulturgenuss beobachten können.
Schrecklich, schrecklich, gell? Herr Pavel, ein Soda Zitron, bitte!

Herr Paul (kommt an den Tisch und wirft sich in Pose): Die Dame?
Charlotte 1: Nur ein Soda Zitron, Herr Paul.
Herr Paul: Sind Sie sicher? Keinen Kaffee heute?
Charlotte 1: Ach, Herr Paul, ich bin von der Bim hierher gesprintet, mir ist immer noch warm.
Herr Paul: Sicher. (ab)

Charlotte 2: Und unser Fredchen lässt sich wieder mal nicht blicken…

Lass raten, der alte Drache lässt ihn wieder mal nicht fort.
Beatrix 2: Dir tut es nur leid, weil Du gehofft hast, er würde Dir in einem seiner
seltenen Anfälle von Menschenliebe einen Espresso spendieren, und Du blamierst Dich
nicht mit Deinem üblichen Sodazitron. Gott, Du bist so billig.

Charlotte 1: Wo ist denn unser Alfred?
Beatrix 1: Leider, der steckt in Mödling fest, seine Frau Mamá benötigt noch Hilfe… er kommt erst knapp vor dem Konzert.
Charlotte 1: Schade.
Beatrix 1: Aber sag, was anderes: wie war das Vorstellungsgespräch?
Charlotte 1: Nun ja… ich bin meinem Papá natürlich dankbar, dass er sich so für mich
ins Zeug legt… aber ich fürchte, das wird wohl nichts.

Charlotte 2: Lass mich, mein Tag war eh schon mies genug.

Beatrix 1: Warum denn? Was stimmt denn nicht an dem Job?
Charlotte 1: Naja… alles eben.
Beatrix 1: Inwiefern?
Charlotte 1: Erstens, es wäre ein Job in einem hundsordinären Immobilenbüro.
Backoffice oder so. Telefondienst. Tabellen ausfüllen. Dateien anlegen. Kunden beraten.
Um Himmels Willen, ich habe einen Wirtschaftsmagister!

Beatrix 2: Lass raten, dein Papa hat mal wieder verzweifelt versucht, dich in der
Firma eines Geschäftsfreundes unterzubringen, und Dir war der Job nicht fein genug.
Charlotte 2: Entschuldige, ich bin Akademikerin!
Beatrix 2: Ja, mit Mühe und Not mit Anfang 30 endlich die letzten Scheine
zusammengekratzt… und auch nur, weil die Professoren Mitleid mit deinem Vater hatten.
Und in den zehn Jahren seitdem hattest Du keinen einzigen vernünftigen Job.

Beatrix 1: Sicher…
Charlotte 1: Außerdem… es ist so ewig weit draußen, noch hinter der Shopping City Süd.
Da brauche ich in der Früh mehr als eine Stunde, und am Nachmittag auch. Und sie
wollen, dass ich bis 17.30 arbeite! 17. 30! Wie soll ich da bitte jemals in die Oper
kommen?

Charlotte 2: Hal-lo? Meiner Schwester hat er auch einen Top-Job vermittelt. Ich nehme
nichts, was sie nicht auch hat.
Beatrix 2: Und bist lieber seit drei Jahren Notstandshilfe und lebst in einem Rattenloch.
Brava.
(Beide drehen sich Richtung Charlotte 1 und
Beatrix 1 und belauschen ihre alter egos.)

Beatrix 1: Und das hast Du ihnen hoffentlich auch gesagt.
Charlotte 1: Natürlich! Aber – stell Dir vor – die haben es nicht verstanden. Dabei dachte
ich, der Herr Waldeck ist kein Parvenü! Na ja…
Beatrix 1: Ich glaube, mit seinem Neffen war ich in der Klasse. Dem Ferdi.
Charlotte 1: Ah ja… nein… hab leider kein Gesicht mehr dazu… du weißt ja, ihr
Jüngeren habt uns damals nicht wirklich interessiert…
Beatrix 1: Sicher… Sieben Jahre sind in dem Alter ein wirklicher Unterschied.

Charlotte 2: Drei Jahre, Schätzchen… also, wenn man sich mit Ende 30 schon jünger
machen muss… ts, ts…
Charlotte 2: Du redest was von erfüllender Arbeit? Excuse moi, aber du hilfst Deinen
Eltern zehn Stunden pro Woche bei der Buchhaltung, und ansonsten lebst Du von
ihrem Geld und verschwendest den Tag mit Gesangsunterricht und Schauspielstunden…
als ob aus Dir noch was wird…

Beatrix 1: Jedenfalls, mach Dir nichts draus,
Du wirst sicher bald eine Position finden, die Deinen Qualifikationen entspricht. Eine
erfüllende Arbeit ist doch recht… naja… erfüllend…
Charlotte 1: Du hast recht, ich hoffe es doch
stark… Aber in der Zwischenzeit freue ich mich, dass ich Zeit für die Oper habe… und
für die Konzerte… und meine Babies…
Beatrix 1: Und die Blind Dates. Das ist ja alles so aufregend!

Beatrix 2: Oh ja, Charlotte und die Männer. Jetzt wird es lustig!

Charlotte 1: Wie man es nimmt. Ich habe mir irgendwie… nun ja… mehr erwartet. Ich
meine, die Seite nennt sich „Selection“, aber weißt Du, wer mich da letztens
angeschrieben hat? Ein Klempner! Und nicht einmal einer von hier, jedenfalls dem Namen
nach! Warte, ich zeige es Dir (holt ihren uralten Laptop aus der Tasche).
Beatrix 1: Der kann sich das doch gar nicht leisten.

Beatrix 2: Naja, in bebaute Gebiete kann man den nicht mitnehmen… aber für eine
kleine Nummer kann man schon mal einen Ausflug in die Peripherie wagen… und wo du
eh schon da wohnst…

Charlotte 1: Na ja, offenbar hat er seine eigene Firma und alles, Installationen
Özgür… Hab ihn gleich gegoogelt. Zugegeben, die
haben zwar ganz nette Bäder – Fliesen von Bisazza und alles – aber… ich meine, fesch war er ja, aber von nur einer Affäre wollte er nichts wissen – und ich natürlich auch nicht – und so jemanden kann ich doch nicht zu
einem Klavierabend in den Brahmssaal mitnehmen!

Beatrix 2: Mausi, du musst froh sein, dass Du überhaupt noch wen findest!
Charlotte 2: Aber sicher keinen Ausländer. Ich will einen unsrigen.
Beatrix 2: Was denn, haben Dich schon wieder irgendwelche jungen Afrikaner
angequatscht? Tja, die Herren Glückritter wissen, dass Du verzweifelt bist. Die haben ein Gespür für so was.

Charlotte 2: Ja, aber Dich quatschen die Afrikaner an, weil Du einen Hintern wie ein
Nilpferd hast. Da fühlen sie sich gleich wie zu Hause.

Beatrix 1: Vermutlich eher nicht. Aber sonst sind da keine standesgemäßen Männer dabei?
Charlotte 1: Nein! Überall ist da was, das nicht passt. Herrje, gibt es in Wien wirklich
keine feschen, dunkelhaarigen Akademiker über ein Meter achtzig mit dem richtigen
Sternzeichen und Aszendenten?

Charlotte 2: Sicher gibt es die, aber die wollen nichts von Dir. Du hast nichts
vorzuweisen außer einer dreckigen Wohnung, einem Look wie eine
achtzigjährige Katzenoma, und einer ans obsessive grenzenden Sammlung von Alban- Berg-CDs.

(…)

 

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