Aus dem Fenster

Aus dem Fenster. Kurzdrama. (UA im Palais Kabelwerk, Oktober 2009).

Friedhof

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine opernliebende alte Dame aus guter Wiener Gesellschaft gibt ihre Prachtwohnung an der Ringstraße auf und zieht in ein Altersheim. Der Ausblick aus dem Fenster löst in Tante Trudi eine Veränderung aus, die sich ihre junge Freundin, Musikwissenschaftsstudentin Dorothee, zuerst gar nicht erklären kann …

 

Szene 2

Ein Pflegeheim im 9. Wiener Gemeindebezirk. Winter. Durch das Fenster sieht man ein Feld großer, Schnee bedeckter Steine. Die alte Dame sitzt etwas verloren auf dem Bett. Um sie herum Koffer, Kisten, einige alte Stilmöbel.

DIE ALTE DAME: Wenigstens auspacken hätten sie mir helfen können. Gfraster.

DIE JUNGE FRAU (kommt herein). Das war jetzt aber mühsam. Mein Gott, man könnt glauben, ich wollte mir die Magna Charta ausborgen und nicht Hammer und Nägel.

DIE ALTE DAME: Bist ein Schatz.

(Die junge Frau steigt auf einen Sessel, hängt den Autographen an die Wand).

DIE JUNGE FRAU: So, geschafft … der Mahler hängt … noch ein bissi rücken … ist das schief?

DIE ALTE DAME: Nun … ein bissi rechts noch … Genau so. Danke.

DIE JUNGE FRAU: Sehr gut. (steigt runter) Wo sind denn deine Toilettesachen?

DIE ALTE DAME: In der Schachtel da.

DIE JUNGE FRAU: Trotzdem, sie hätten dir helfen sollen.

DIE ALTE DAME: Sie sind halt so beschäftigt, mit ihrem eigenen Umzug.

DIE JUNGE FRAU: Sicher.

(beide schweigen, die junge Frau packt eine Kiste aus)

DIE ALTE DAME: Bist jedenfalls ganz lieb.
DIE JUNGE FRAU: Bissi Hirndurchlüften tut mir ja auch gut.

DIE ALTE DAME: Gewiss … dieses Thema …
DIE JUNGE FRAU: Naja … hat schon so interessante Aspekte, eigentlich … ist dir eigentlich damals aufgefallen, dass man den da Ponte vom Programmzettel von Figaro und Giovanni gestrichen hat?

DIE ALTE DAME: Nun, darauf hab ich nicht so geachtet. Wir hatten andere Sorgen, Kinderl. Ganz andere.

DIE JUNGE FRAU: Die haben einfach den besten Librettisten von allen weggelassen. Nur weil er Jude war.

DIE ALTE DAME: Jedenfalls brauche ich noch einiges, bis ich hier vernünftig wohnen kann. Die Gardinen gehören dem Heim. Scheußlich, nicht wahr? Plastikvorhänge. Die Sozialisten sparen am falschen Ende. Ich werde mir neue nähen lassen, meine passen ja nicht.

DIE JUNGE FRAU: Sicher, die Altbaufenster sind höher (geht zum Fenster, schaut sich die Gardinen an). Die sind wirklich etwas unschön.

Aber fein wirst du´s hier haben. Im Sommer ist der Garten sicher ganz grün.

DIE ALTE DAME: (Humpelt zum Fenster) Aber unordentlich ist es. Siehst du die Dinge da unter dem Schnee. Ich hoffe, das haben sie bis zum Sommer weggeräumt.

DIE JUNGE FRAU: (Schaut raus). Welche … ach, so … Nun, Ich fürchte, dass wird bleiben.

DIE ALTE DAME: Was wird bleiben?

DIE JUNGE FRAU: Die Grabsteine.

DIE ALTE DAME: Das ist ein Friedhof da? Im Garten? Vor meinem Fenster?

DIE JUNGE FRAU: Naja, nicht direkt. Ich meine, der wird seit zweihundert Jahren nicht

mehr benützt.

DIE ALTE DAME: Das ist doch nicht möglich!

DIE JUNGE FRAU: Hast Du das nicht gewusst? Oh je. Warte, ich hab mir ein Flugblatt mitgenommen (kramt es aus der Tasche).

DIE ALTE DAME: (liest schweigend)

DIE JUNGE FRAU: (räumt einen Schrank ein) Wie gesagt, der ist seit 250 Jahren nicht in Betrieb. Sind deine Kleider schon eingeräumt? Ah nein, die sind noch im Koffer.

DIE ALTE DAME: Das ist … empörend!

DIE JUNGE FRAU: Was denn? Sag, gibt es einen Keller oder Abstellraum?

DIE ALTE DAME: Brauchst gar nicht weitermachen, Kinderl. In diesem Zimmer bleibe ich nicht.

DIE JUNGE FRAU: Wie bitte?

DIE ALTE DAME: In diesem Zimmer bleibe ich keine Sekunde länger.

DIE JUNGE FRAU: Aber … wieso denn?

DIE ALTE DAME: Nicht einen Augenblick. (humpelt zur Tür). Hallo? Hallo, Pfleger?

DIE JUNGE FRAU: Tante Trudi, was ist denn? Ist alles in Ordnung?

PFLEGER/ IN: Was ist denn? Ah, Frau Gassner.

DIE ALTE DAME: In diesem Zimmer bleibe ich nicht.

PFLEGER/ IN: Wieso, was passt denn nicht?

DIE ALTE DAME: Na, alles.

PFLEGER/ IN: Aber, aber, Frau Gassner, das ist doch genau gleich wie das Vorführzimmer.

DIE ALTE DAME: Nein, ist es nicht.

DIE JUNGE FRAU: Aber was ist denn anders?

DIE ALTE DAME: Na, alles. Ich will ein anderes Zimmer. Mit einem anderen Ausblick.

PFLEGER/ IN: Aha.

DIE ALTE DAME: Was heißt aha? Tun sie etwas. Sofort.

PFLEGER/ IN: Des geht net. Sie haben sich nun mal für das Zimmer da entschieden. Ihre Tochter hat extra gsagt, mit Gartenblick, soweit ich weiß. Wir haben außerdem eh keine anderen mehr frei, nur noch zwei mit Fenstern in den Garten. Alle Zimmer mit Straßenblick san belegt.

DIE ALTE DAME: Und was soll das heißen?

PFLEGER/IN: Des is ganz einfach. Damit die frei werden, müssen die anderen … sie wissen schon …

DIE ALTE DAME: Das ist … Frechheit! Ich will die Direktorin sprechen. Jetzt sofort.

PFLEGER/ IN: Des geht net. Die ist net da. (Zur jungen Frau): Hören´s, sagen´s ihrer Oma, dass …

DIE JUNGE FRAU: Die Tante Trudi ist nicht …

DIE ALTE DAME: Wagen Sie nicht, so zu reden, als wäre ich nicht da. Rufen sie meine Kinder an. Sofort. Ich verlange, dass ich hier rauskomme.

DIE JUNGE FRAU: Tante Trudi, komm, beruhig dich, sag mir was lost ist. Ist es der Friedhof? Macht dir das … ich meine … sie hat schon Recht, das ist wirklich etwas unsensibel, eine Ruhestätte, ich meine, im Garten von einem Pensionistenheim … Wer kommt denn überhaupt auf solche Gedanken?

DIE ALTE DAME: Das sind die Sozialisten. Die hassen uns, uns alte Leute! Wir haben ihnen die Republik aufgebaut! Wir haben das Land zu dem gemacht, was es ist. Und jetzt? Jetzt wollen sie uns loswerden, die Sozis, und all ihre … Freunderln. Aber nicht mit mir! Nicht mit mir! Und jetzt auch noch meine Kinder.

PFLEGER/IN: Hören´s, ich müsst jetzt.

DIE ALTE DAME: Das haben sie mit Absicht gemacht. Mit Absicht haben sie das gemacht!

DIE JUNGE FRAU: Naja, Tante Trudi, ich glaube nicht, dass …

DIE ALTE DAME: Die wollen, dass ich hier sterbe. Die Wohnung haben sie schon, jetzt wollen sie auch den Rest.

PFLEGER/IN: Schauen´s, Frau Gassner, jetzt beruhigen Sie ihnen wieder, ich hol Ihnen das Abendessen. Heute hamma ein Hühnersupperl, und danach ein Striezel mit Butter und ein Zwetschkenröster, und einen guten Früchtetee, und dann schaut das alles schon wieder viel besser aus, gell?

DIE ALTE DAME: Vergessen Sie das Abendessen. Rufen Sie meine Kinder an. Hier bleibe ich keine Sekunde länger.

DIE JUNGE FRAU: Tante Trudi …

DIE ALTE DAME: Keine Sekunde.

(Ende 2. Szene)

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